HEILIGE JEANNE-ANTIDE (DE)


KINDHEIT

Am 17. November 1765 wird Jeanne-Antide Thouret in Sancey-le-Long (Doubs) in einer sehr frommen Familie geboren. Sie ist die fünfte Tochter von Jean-François THOURET, einem Ackerbauern, und Jeanne-Claude Labbé. Ihre Mutter erzieht sie im Glauben und bringt ihr das Beten bei. Jeanne-Antide hilft bei der Hausarbeit, hütet die Herden und geht zur Schule.  

ENTSTEHUNG IHRER BERUFUNG

Mit 16 Jahren verliert Jeanne-Antide ihre Mutter und muss Verantwortung für das Haus übernehmen. Sie bittet die Heilige Jungfrau, sie unter ihren Schutz zu nehmen.

1786 eröffnet Jeanne-Antide auf Bitten des Pfarrers von Sancey, Abbé Ligier, im Pfarrhaus eine Katechismus- und Leseklasse, in der sie den Dorfkindern das Evangelium und die Grundlagen der französischen Sprache beibringt. Ihre Berufung zur Lehrerin ist geboren.

Jeanne-Antide fühlt sich immer mehr zu einer Berufung im Dienst an den Armen und Kranken hingezogen. Sie erwägt nun, einem Schwesternorden beizutreten. Als ihr Vater von ihren Absichten erfährt, ist er dagegen und setzt alle Mittel ein, um sie von dieser Idee abzubringen; man will sie verheiraten, aber sie antwortet, dass sie nicht will, auch wenn ein König um sie bitten würde. Jean-François, ein gläubiger Mann, respektiert schließlich den Willen seiner Tochter.

Mit 22 Jahren tritt sie in die Kongregation der Barmherzigen Töchter ein, die der heilige Vinzenz von Paul ein Jahrhundert zuvor gegründet hatte, zunächst Ende Juli 1787 in Langres und am 1. November im Mutterhaus in Paris.

DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION UND DIE PFRÜFUNGEN

Das 1789 geschaffene Departement Doubs wird von Menschen bewohnt, die mehrheitlich dem Katholizismus verbunden sind und sich gegen die von der Revolution eingeleitete Säkularisierung wehren: Die Zivilverfassung von 1790 ruft starke Widerstände hervor, die sich mit den Massenerhebungen von 1792 und vor allem vom 23. August 1793 noch verstärken. Eine revolutionäre Minderheit – die Patrioten – bleibt jedoch aktiv und kontrolliert Politik und Verwaltung, indem sie sich auf die bewaffnete Nationalgarde stützt. 

Am 31. August 1793 werden 3000 Aufständische der Region Haut-Doubs in Bonnétage in die Flucht geschlagen. Die « Petite Vendée » endet am 6. September 1793 mit einer blutigen Niederschlagung (Hinrichtungen, Deportationen, Inhaftierungen…). Die Kirche von Maîche ehrt ihre Märtyrer auf einer Gedenktafel.

Während der Französischen Revolution werden die Barmherzigen Töchter , so wie viele andere Ordensleute, zerstreut und müssen in ihre Heimat zurückkehren. Im Mai 1794 kehrt Jeanne-Antide daher nach Sancey zurück. Sie lebt nun im Untergrund in Zivilkleidung. Sie unterrichtet Kinder, kümmert sich um Kranke und versorgt flüchtige Priester, die sich in den Wäldern und Höhlen von Sancey und Surmont versteckt halten.

Sie verteilt Flugblätter, unterrichtet Kinder im Evangelium und organisiert heimliche Messen, die von den Priestern gefeiert werden. Abbé Pourcelot, Pfarrer von Sancey, sagt zu ihr: „Frau Antide, ich stehe tief in Ihrer Schuld. Sie haben in meiner Gemeinde die Aufgaben des Pfarrers und des Vikars auf wunderbare Weise erfüllt“.

Jeanne-Antide gibt ihre Berufung nicht auf und wandert am 15. August 1795 mit den Einsiedlern von Pater Antoine-Sylvestre Receveur aus.Mit dieser wandernden Gemeinschaft durchquert sie die Schweiz und einen Teil Deutschlands. Als sie am 24. April 1797 in Passau an der Donau ankommt, entscheidet sie sich für die Rückkehr.

Nach einer einsamen Reise von über 600 Kilometern kommt sie am 24. Juni in Le Landeron in der Nähe von Neukirchen  (Schweiz) an. Dort erhält sie die Nachricht von zwei französischen Priestern, die sie bitten, nach Besançon zurückzukehren, um sich um Kinder ohne Schulbildung und Kranke zu kümmern.

Nach ihrer Rückkehr aus dem Exil muss sich Jeanne-Antide als vermeintliche Emigrantin verstecken. Sie lebt neun Monate lang illegal in einem Keller im Dorf La Grange.  Jeanne-Antide wird mehrmals vor das Gericht von Vaucluse bestellt und weigert sich stets, den Eid auf die Zivilverfassung zu leisten.

Doch 1798 sagen die Einwohner von La Grange und ihr Bruder Joachim zu ihren Gunsten aus. Jeanne-Antide wird freigesprochen. Sie erhält schließlich eine Aufenthaltsbescheinigung und einen Pass, um nach Besançon und Vesoul reisen zu können.

GRÜNDUNG DER SCHWESTERNGEMEINSCHAFT

Am 11. April 1799 gründet Jeanne-Antide eine kostenlose Mädchenschule und eine Armenküche in Besançon. Von Mai bis September 1802 verfasst sie die Lebensregel für ihre Gemeinschaft. Zusammen mit einigen Schwestern, die sich von ihrem Lebensideal angezogen fühlen, eröffnet sie neue Schulen und Orte, die sich der Krankenpflege widmen.

Am 23. September 1802 wird sie auch gebeten, den Dienst im Gefängnis von Bellevaux zu übernehmen, wo sie sich bemüht, ihre Fähigkeiten als Erzieherin in den Dienst der Gefangenen zu stellen, sie mit Essen zu versorgen, und bezahlte Arbeit für sie zu organisieren. 1807 wird in Paris Jeanne-Antides Gemeinde der Name „Sœurs de la charité de Besançon“ (die Barmherzigen Schwestern von Besançon) verliehen.

Am 8. Mai 1810 wird Jeanne-Antide mit einigen Schwestern nach Thonon in Hochsavoyen berufen. Kurz darauf, im November, reist sie auf Wunsch von Letizia Bonaparte, der Mutter des Kaisers, nach Neapel zu Joachim Murat, dem Stiefbruder des Kaisers Napoleon und frisch gekröntem König.

Sie lässt sich im Kloster Regina Cœli nieder, pflegt die Kranken (ca. 1200) im Krankenhaus für Unheilbare, richtet zwei Schulen in der Nähe des Klosters ein und besucht die Armen in den verschiedenen Pfarreien der Stadt. Außerdem eröffnet sie auf dem Gelände des Klosters eine Schule und eine Apotheke.

Am 23. Juli 1819 werden die Kongregationsstatute durch Papst Pius VII. genehmigt. Er gibt der Gemeinschaft den Namen „die Barmherzigen Töchter unter dem Schutz des heiligen Vinzenz von Paul“. Ein Konflikt zwischen dem Erzbischof von Besançon und der daheim gebliebenen Schwestern zermürbt Jeanne-Antide zutiefst.

Der Erzbischof von Besançon, Gabriel Cortois de Pressigny, ein Galliker und Ultra-Royalist, nützt die Abwesenheit der Gründerin aus und will den französischen Teil der Schwesterngemeinschaft für unabhängig erklären und unter seine Leitung stellen.

Jeanne-Antide unternimmt eine Reise nach Frankreich, um eine Versöhnung herbeizuführen, aber sie scheitert und es kommt zu einer Spaltung zwischen dem französischen Zweig der Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern in Besançon und der neapolitanischen Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern unter der Schirmherrschaft des heiligen Vinzenz von Paul.

Jeanne-Antide kehrt daraufhin nach Neapel zurück, wo sie am 24. August 1826 stirbt.

Sie wird am 23. Mai 1926 selig- und am 14. Januar 1934 von Papst Pius XI. heiliggesprochen. Zu diesem Anlass wird eine Basilika hinter dem Haus der Familie errichtet.

DIE GEMEINSCHAFT WELTWEIT

Im 19.Jahrhundert, nach dem Tod von Jeanne-Antide im Jahre 1826, eröffnet die Gemeinschaft, die bereits in der Franche-Comté, in Savoyen, in der Schweiz und in Süditalien vertreten ist, neue Missionen in Norditalien, Frankreich und Malta. 1904 lässt sie sich im Libanon und 1909 in Ägypten nieder.  Im Laufe des 20. Jahrhunderts eröffnet sie Missionen auf allen Kontinenten: USA (1932), Laos (1934), Tschad (1962), Paraguay (1967), Indonesien (1980), Indien (1999)…

Die Versöhnung zwischen dem französischen und dem italienischen Zweig findet in den 1950er Jahren statt und wird 1998 vom Vatikan offiziell anerkannt.

Die Barmherzigen Schwestern widmen sich der Erziehung der Jugend, der Krankenpflege, dem Besuch von Gefangenen, Altenheimen, Studentenwohnheimen und gründen später Häuser für AIDS-Kranke.

Heute gibt es nach Angaben des Vatikans etwa 2065 Schwestern in 267 Häusern auf der ganzen Welt, die sich auf vier Kontinenten in insgesamt 31 verschiedenen Ländern befinden.